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Part Dieu

Bonjour Lyon! In unseren gnadenlos weichen Hotelbetten wachen wir auf. Noch etwas schläfrig tapse ich ins Bad, drehe den Wasserhahn auf und höre ein röchelndes Geräusch. Wasser kommt keins aber es gurgelt immerhin: Ganz großes Kino.
DSC00616.JPG Wenigstens der Kaltwasserhahn erbarmt sich und ich kann meiner Morgenhygiene dann doch noch nachkommen.
Gegen halb 12 sind wir endlich abreisefertig und checken aus. Erik war jedoch derartig nachhaltig vom Fernseher beeindruckt, dass er die Fernbedienung gleich in der Hand behielt und erst im Fahrstuhl merkte, dass er sie mitgenommen hat – so hatte wenigstens die Rezeptionistin noch etwas zu lachen.
Es ist schon erstaunlich warm als wir vollbepackt zum Bahnhof trotten um unser Gepäck einzuschließen. Doch an der Gepäckabgabe zögern wir: Zum Einen ist der Preis nicht unbescheiden, zum Anderen gibt es einen Gepäckscanner wie am Flughafen – und z.B. Propan/Butan (also das Gemisch des Campingkochers) sind verboten. Mangels Alternativen entscheiden wir uns schließlich doch dafür es zu riskieren.
Zuerst wird der “Gepäckwärter” gefragt, ob wir zu zweit ein Fach nutzen können – “Kein Problem” meint er, vielleicht reiche sogar ein Kleines, sicher aber ein Mittleres.
Auch durch das Röntgengerät kommt mein Rucksack ohne Probleme – möglicherweise war es hilfreich, dass die Gaskartusche in unserem Kochtopf steht, vielleicht war dem Mann es aber auch einfach egal.
Zwar genügte das kleine Fach dann nicht und wir mussten auf ein Mittelgroßes umsteigen, aber weg ist weg. Hauptsache entlastete Schultern.
Gegenüber vom Bahnhof Part Dieu, befindet sich das beachtlich große “Centre commercial Part Dieu”. Und nach all dem Trubel und Gelaufe durch die Städte Europas entschieden wir uns es mal ruhig angehen zu lassen. Wir machten uns Zeit und Treffpunkt aus um unabhängig voneinander etwas durch den überdimensionierten Betonklumpen zu schlendern. Erik kaufte sich ein gelbes Achselshirt und ich ein belegtes Baguette. Im Elektro-, Buch- und Zeugsgeschäft FNAC trafen wir uns sogar zwischenzeitlich, verloren uns aber nach wenigen Minuten wieder aus den Augen. Dafür lernte ich einen netten Franzosen kennen, der sogar Deutsch konnte (sehr gut sogar – seine Frau kommt aus Schwäbisch Hall) und mit dem ich kurz über Tablet-PCs fachsimpelte (das dort ausgestellte Motorola Xoom [oder so] mit Android war wirklich gut – ein sehr guter Touchscreen und eine elegante Menüführung).
Wieder zu zweit wanderten wir durch einen Supermarkt und erstanden 2 Dosen französisches Bier und je eine Kleinigkeit zu Essen. Auf dem bepalmten Sonnendeck mit Kunstrasen und Liegestühlen genossen wir unsere Einkäufe und das Sonnenwetter.

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Ein kurzer Regenschauer vertrieb uns wieder ins Innere des Centre Commercial, doch schon wenig später schien die Sonne wieder und wir gingen zur Rhône. Am Fluss setzen wir uns auf eine Mauer und beobachteten wir die Passanten: Jogger, junge Familien, Radfahrer, Touristen, spielende Kinder und natürlich die Menschen in den zahlreichen Cafés. Zu unseren Beobachtungen gibt es dann mehr in einem extra Artikel.
Da wir uns mittlerweile eine Grundorientierung in Lyon erworben haben, war der Weg zum Gare ‘Part Dieu’ ein Kinderspiel und jetzt sitzen wir im Zug nach Genéve.
Au revoir Lyon! Au revoir France!

Београд

P1040426.JPG Der Zug war toll. Er hatte zwar über 2 Stunden Verspätung, aber so richtig zu stören schien das keinen hier. Langsam rollten wir in den Bahnhof von Belgrad ein und stellten dort zu unserer Ernüchterung fest, dass unser Plan als nächstes Griechenland zu bereisen, zum Scheitern verdammt war. Ein netter Mann an der Info (kleine Anmerkung hierzu: Männer in solchen Positionen sind meist sehr nett, Frauen an Info- und Ticketschaltern haben tendenziell Haare auf den Zähnen – ist nicht sexistisch und oder frauenfeindlich gemeint. Ist einfach eine Beobachtung) erklärte das der Zug nach Thessaloniki nur bis Skopje fährt, weil Griechenland streikt.
Und was macht man in dem Fall als gut erzogener, westlich-geprägter, junger Mensch? Richtig: Man hebt 5000 Dinar ab und geht zu McDonalds – Krisensitzung. Im Gegensatz zu Deutschland war es richtig billig und das kostenlose Internet nicht auf eine Stunde begrenzt – etwa 3 Stunden Krisensitzung begannen. Karten wälzen, Verbindungen googlen, Bilder und Beiträge hochladen.
Als der Masterplan gefunden, Handy und iPod geladen und wir umgezogen und gesättigt waren, ging es zurück zum Bahnhof. Auf dem Weg sahen wir noch einmal ein zerbombtes Büro- und Verwaltungsgebäude – ein seltsames Bild mitten in einer auf den ersten Blick intakten Stadt. Die riesigen Löcher im Stahlbeton in einem Haus das aussieht als wäre es gerade erst verlassen worden.
Ein Besuch am Schalter brachte uns keinen Schritt weiter (Frau am Schalter ignorierte uns nach 2 Fragen), wir ließen also an der “Gaderoba” unsere Rucksäcke einschließen und liefen los in Richtung Innenstadt. Wie so oft war die ein krasser Kontrast zum bisher gesehenen. Eine belebte, wirklich schöne Einkaufs- und Flaniermeile an deren Ende ein Park und die Festung stehen. Wir wanderten durch die Gegend und standen plötzlich zwischen einer größeren Anzahl von Panzern, Haubitzen, Torpedos, MGs und ähnlichem Kriegsgerät. Ohne es zu wollen, standen wir im Garten des serbisch Kriegsmuseums und waren ziemlich verblüfft von der Vielzahl an Waffen, die hier zwischen blühenden Büschen stand.
P1040412.JPG Wir ließen uns nicht irritieren und fanden dann noch einen Weg zum unmilitärischen Teil der Festung. Für 30ct durften wir sogar einen Aussichtsturm mit Ministernwarte betreten und genossen dort die Aussicht.
In der Stadt kaufen wir von den restlichen Dinars einigen Kleinkram und Fressalien, mit denen wir zurück zum
Bahnhof liefen. Der Gepäckaufbewahrungsmensch zockte uns dann zwar einigermaßen fies ab – der (Pardon) dumme Sack zählte unsere Taschen wegen der daran befestigten Packsäcke doppelt und so mussten wir 440, statt 220 Dinar zahlen. Nächstes Mal lassen wir ihn vorher zählen und uns den Endpreis schriftlich geben…
Belgrad war bisher die Stadt, die dem klassischen Ostblock-Klischee am nächsten kommt. Der Rest war eigentlich gar nicht so – Prag, Bratislava, Budapest und allen voran Zagreb waren einfach toll. Belgrad ist dagegen nur “ok”. Viel ist einfach sehr pragmatisch gelöst: Ein Haus hängt an 700 Kabeln, die mehr oder weniger dort in die Fassade gehen, bzw selbige verlassen wo sich innen wahrscheinlich die Steckdosen befinden. Es ist vielerorts dreckig und heruntergekommen (Große Ausnahme Innenstadt) und es wirkt chaotischer als in den Städten bisher. Der Geruch nach Urin, der schon oft auftauchte tut das hier viel regelmäßiger und auch an den schönsten Fassaden hängt neben jedem Fenster eine Klimaanlage. Auf die Optik achtet man hier scheinbar etwas zu wenig, so lang es funktioniert ist man glücklich, auch wenn es aussieht wie … Naja. Lassen wir das.

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Im Prinzip hört die Erzählung für heute schon wieder auf, denn wir sitzen im
Moment im Nachtzug nach Sofia, von wo aus es ans Schwarze Meer gehen soll.